Wer war Jacques Rozenberg?

Ich kann sagen, ihn gut gekannt zu haben. Unsere Familien verkehrten eng miteinander und waren in bundistischen Kreisen aktiv. Dadurch haben wir rudimentär Jiddisch gelernt, die Heimatsprache der osteuropäischen Juden. Jacques litt bald unter der Trennung seiner Eltern. Oft hin- und hergeschubst, lebte er mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung im 1. Stock über einer Bäckerei-Konditorei. Er und sein Freund Henri, Sohn des Hauses, waren begabte Geigenspieler, die miteinander wetteiferten, der Beste zu sein!
Mit seiner starken Persönlichkeit hatte Jacques beschlossen, mit mir den Roten Falken beizutreten. Gemeinsam fuhren wir in die Ferienkolonie.
Schon damals hat er Befehlen nicht gehorcht und … dafür mit einigen Stunden Freiheit gebüßt.
Der Krieg hat uns zeitweise auseinander gebracht.
Nach Rückkehr aus der Emigration und mittlerweile an der U.L.B. (A.d.Ü.: frankophone Freie Universität Brüssel), erhielt ich den Auftrag zum Aufbau einer Widerstandsbewegung. Jacques stieß über die Untergrundpresse dazu. Später habe ich erfahren, dass er, genau wie ich, verhaftet worden war. Nachdem wir wie durch ein Wunder beide aus der Gefangenschaft heimgekehrt waren, hatte er eine junge Italienerin geheiratet. Durch die Gründung des Freundeskreises der Überlebenden von Auschwitz und der Lager in Oberschlesien haben wir wieder enge Kontakte gepflegt.
Mittlerweile hatte ich erfahren, dass seine Begabung als Violinist ihn in den Lagern vor der Selektion bewahrt hat. Es war diese Begabung, auf Grund derer er später Leiter der Diskothek der Brüsseler Region geworden ist.
Doch die Krankheit suchte ihn heim – was ihn aber nicht daran hinderte, sich als Freiwilliger bei Oxfam zu engagieren und außerdem mit einigen Freunden die Stiftung Fondation Auschwitz zu gründen, deren Vorsitz ich übernahm.
Diese Arbeit wurde von mehreren geschultert, und die meisten Gründungsmitglieder sind leider zu früh von uns gegangen.
Dass er nach seiner Scheidung Andrée getroffen hat, war ihm eine Stütze. Sie hat ihm seine Talente nicht nur als Maler, sondern auch als Schriftsteller und Dichter bewusst gemacht. So hat er, außer auf Papier, eine besondere Maltechnik auf Radiogramm entwickelt.
Was gibt es mehr zu sagen? Bis zu seinem überaus schmerzhaften Lebensende hat er als Zeitzeuge fungiert, auf dass Auschwitz sich nicht wiederholen möge.
Jacques, du fehlst uns. Kritische Geister sind rar, notwendig und bereichernd.

Baron Paul Halter