Mein Freund Jacques

Erinnerst du dich an das Frühjahr 1992, erinnerst du dich an unseren Besuch in Auschwitz? Ich wurde begleitet von sechs jungen Maghrebinern, drei Jungen und drei Mädchen. Erstmals nahmen junge Marokkaner mit der Fondation Auschwitz an einer Studienreise teil. Du warst einer von zwölf Überlebenden der Konzentrationslager.

Einige fürchteten sich vor den Reaktionen dieser jungen Maghrebiner, du nicht.
Denn du konntest zuhören, du konntest die schrecklichsten Dinge unkompliziert erzählen.

Jacques! Wenn ich einst alles vergessen haben werde, werden unsere Begegnung und diese Reise noch stets in den tiefsten Tiefen meiner Erinnerung eingeprägt bleiben.
Und du hast es fertig gebracht, mich zu fragen warum?

Ich nenne nur drei Gründe:
Erstens hast du während dieser ganzen Studienreise niemals ein verletzendes Wort oder ein Wort der Geringschätzung verloren, wenn du von deinen Peinigern sprachst. Du hast mich gelehrt, niemals zu hassen.

Zweitens die Hoffnung, die du in die Menschen setzt: Du warst ein Universalist, der zweifellos viel nachzudenken hatte. Weißt du, Jacques, jedes Mal, wenn ich den Satz von Albert Einstein zitiere: „Es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein Vorurteil zu entkräften“, dann denke ich an diese Reflexionsarbeit, die du stets in Bezug auf dich selbst angestellt hast.

Drittens: Wir standen am Schnittpunkt zweier Wege: Unser Reiseleiter schilderte, welchen Weg die Häftlinge gehen mussten, bevor sie zu den Gaskammern gelangten; er schwieg einen Moment und sagte dann: „Hier, unter unseren Füßen sind die Verurteilten vorbeigezogen“, und wir sind alle einige Schritte zurückgetreten. In diesem Augenblick hat Zohra eine Träne vergossen. Du warst an ihrer Seite und hast mit einer Geste voller Zärtlichkeit und Zuneigung diese Träne mit der Fingerspitze aufgefangen.

Jacques! Wenn nur alle Menschen wären wie du, dann wäre der Krieg, da bin ich mir sicher, von dieser Erde verbannt. Dir war bewusst, dass die Hindernisse für den Frieden in der Gesinnung und in den Herzen der Menschen zu finden sind.

Mahfoud Romdhani
stellvertretender Vorsitzender des frankophonen Parlaments von Brüssel